
Starkes Stück Regionalgeschichte
Das Kapitelhaus auf der Südseite von St. Jakobi zu Wittlohe ist für sich genommen bereits ein starkes Stück Regionalgeschichte. Mittlerweile hat sich das fachgerecht restaurierte älteste säkulare Gebäude im Kreis Verden zum würdigen Rahmen für die regionalgeschichtliche Forschung in der Gemeinde Kirchlinteln entwickelt.
ZWiK-Verein realisiert Projekte
Die Zeitgeschichtliche Werkstatt im Kapitelhaus (ZWiK) konstituierte sich im Herbst 2018 als Verein. Fast drei Dutzend Erstunterzeichner fanden sich spontan bereit, das Projekt tatkräftig zu unterstützen. Sie können auf die Vorarbeit einer ZwiK-Arbeitsgemeinschaft zurückgreifen, in der Vereinsvorsitzender Harm Schmidt, Pastor Wilhelm Timme und weitere Mitstreiter aus dem Umfeld der Kirchengemeinde St. Jakobi bereits seit 2015 das Geschichtsprojekt vorangebracht hatten. Die Zusammenarbeit mit Harm Schmidt fand im Dezember 2021 ein abruptes Ende. Der Initiator und Motor vielfältiger Aktivitäten in der Geschichtswerkstatt im Kapitelhaus zu Wittlohe starb unerwartet nach kurzer schwerer Krankheit. Er hatte bis zuletzt an den Recherchen für das neue ZWiK-Buch über Flucht und Vertreibung gearbeitet.
Mit finanzieller Rückendeckung
und neuer Technik gut ausgestattet
Die Geschichtswerkstatt im historischen Ambiente erhält finanzielle Rückendeckung durch den Landkreis Verden, die Gemeinde Kirchlinteln, den Kirchenkreis Verden und auch durch die Leader-Region Aller-Leine sowie die Stiftung der Kreissparkasse Verden. Die Kirchengemeinde St. Jakobi zu Wittlohe fungiert nicht nur als Hausherr und Mitfinanzier. In der ZWiK sollen ihre Konfirmanden nämlich ein spannendes und wegen der bereits vorhandenen Multimedia-Ausstattung gerade für junge Leute attraktives Arbeitsumfeld vorfinden. Und worauf es den Initiatoren besonders ankommt:
Die Auseinandersetzung mit der Geschichte des regionalen, eigenen Lebensumfeldes soll den jungen Menschen Perspektiven für Gegenwart und Zukunft eröffnen.
Heimatkalender und Jahrbücher
im Kapitelhaus komplett
Der Verein ist sehr stolz darauf, über eine vollständige Sammlung aller bisher vom Landkreis Verden herausgegebenen Heimatkalender und Jahrbücher zu verfügen. Auch an dieser Stelle sei allen Spendern noch einmal für die Unterstützung herzlich gedankt.
Vom ersten Exemplar des Jahres 1958 bis zur aktuellsten Ausgabe des Jahres 2023 können alle Werke bei einem Besuch im Kapitelhaus in Wittlohe eingesehen werden.
Soweit Interesse an bestimmten Beiträgen besteht, können die Inhaltsverzeichnisse aller Ausgaben auf der Internetseite des Landkreises Verden unter „Kultur.Tourismus/Kreisarchiv/Jahrbuch-fuer-den-Landkreis-Verden/“
eingesehen werden.


Gegen das Vergessen

Hamburg, den 4. Juni 1946
Sehr geehrte Familie Löhr!
Es tut mir unendlich leid, dass ich jetzt erst dazu komme, Ihnen Nachricht von Ihrem lieben Jungen Ernst-Bodo, der auch mein Freund und Kamerad war, geben zu können. Wie ich aus Ihren Briefen ersehe, waren die Bemühungen, genaueres über Ernst-Bodo in Erfahrungen zu bringen, nicht ganz zufriedenstellend.
Ich war wirklich, wie ich schon sagte, sein letzter Augenzeuge. Leider konnte ich Ihrem Jungen nicht mehr helfen! Sie bitten und erwarten von mir Nachricht. Es ist selbstverständlich meine Pflicht und Schuldigkeit, so zu antworten wie Sie es wünschen.
Am 15. April 1945 gingen wir gegen Abend bei Kirchlinteln in Stellung. Die Nacht war ruhig. Ich musste mit meinen Leuten schanzen, da weder Löcher noch Stellung vorhanden waren. Ich selbst half Ernst-Bodo und Stelljes beim Ausbau der MG-Stellung, weil ich großen Wert darauf legte und sicher gehen wollte, dass sie vom Feind weder zu sehen und zu entdecken waren. Es ging ja um das Leben meiner Männer, deren Verantwortung ich zu tragen hatte. Glauben Sie bitte nicht, dass ich Schuld an dem Tod Ihres Sohnes habe, nein, ich habe auch nur meine Pflicht getan, weil ich es musste. Wie gern hätte ich den Leuten diese furchtbaren Stunden erspart, weil sie zum ersten Male gegen einen Feind ihr Leben zu verteidigen hatten! Glauben Sie mir, ich war sieben Jahre Soldat, viermal verwundet und habe schlimme Stunden mitgemacht. Ich wusste, dass es den Leuten unheimlich war, zum ersten Mal dem Feind gegenüberzustehen.
Schon in der Nacht vom 15. zum 16. April waren sie unruhig, und ich wusste, dass es weiter nichts als Angst vor dem kommenden Tag war. Ich habe jeden einzelnen auf die Gefahr hingewiesen; nicht als Vorgesetzter, sondern als Freund und Kamerad habe ich zu ihnen gesprochen. Weil ich nicht um mein, sondern um ihr Leben Angst hatte und an die armen Eltern dachte.
Ihr Junge, darf ich wohl sagen, war mir besonders ans Herz gewachsen, er war mein Stolz und der Beste von allen! Freiwillig hat er sich zum MG-Schützen gemeldet. Ich habe niemanden gezwungen, etwas zu tun, was er nicht wollte oder konnte.
Etwa zwei Meter neben Ernst-Bodo und Stelljes hatte ich mein Schützenloch, um Feuerbefehle zu geben. Doch hatte ich alles verboten, auch nur einen Schuss abzugeben, um dem Feind nicht unsere Stellung zu verraten. Als es hell wurde, ging es beim Feind lebhaft zu; sogar einige Briten waren zu sehen. Ernst-Bodo und Stelljes schossen, wozu ich überhaupt keinen Befehl gegeben hatte. Auf mein Verbot hin sagten sie, es habe sie in den Fingern gekribbelt. Gegen Mittag um 13.30 Uhr fing das Trommelfeuer der feindlichen Artillerie an; es war unheimlich! Dann kamen Panzer, etwa 30 Stück. Es brannte überall durch Flammenwerfer. Als ich aus dem Loch sah, waren schon einige Panzer im Rücken, die auf uns schossen wie verrückt. Neben mir, wo ihr Sohn und Stelljes im Loch waren, war es ruhig, nichts zu hören und zu sehen! Ich schrie einige Male hinüber, ob sie noch lebten, erhielt aber keine Antwort!
Auf die Gefahr hin, selbst getroffen zu werden, kroch ich aus meinem Loch, um nach den beiden zu sehen. Beide saßen dort still, rührten sich nicht! Ich rief einmal, zweimal, keine Antwort, kein Laut, kein Stöhnen, nichts! Ich untersuchte beide. Ihr Junge hatte einen Kopf- und einen Brustschuss durch Maschinengewehr! Glauben Sie mir, er hatte einen schnellen und leichten Tod gehabt, sonst hätte ich etwas hören müssen! Die beiden haben, als die Panzer von hinten kamen, vermutlich aus dem Loch gesehen und dem Feind ein gutes Ziel geboten. Es war ihr Tod! Während ich dabei war, beiden Wertsachen, Erkennungsmarke und Papiere abzunehmen, wurde ich vom Feind aufgefordert, mich zu ergeben. Ich war überrascht, weil ich nicht mehr an den Feind, sondern an die beiden Jungen dachte. Sonst würde ich wohl auch nicht unter den Lebenden weilen. Leider bin ich nicht mehr dazu gekommen, eine amtliche Bestätigung über den Tod Ihres Sohnes, der mein Freund und Kamerad war, mitzubringen. Ich wollte beide nicht verlassen, wurde aber vom Feind derartig bearbeitet und behandelt, dass ich gehen musste.
Liebe Familie Löhr, ich hoffe, dass ich nichts Unrechtes getan habe und dass Sie mit dieser meiner Erklärung zufrieden sind. Ich werde später, wenn ich frei bin, selbst nach Kirchlinteln gehen, um mir die Gräber dort anzusehen.
Ich bin jetzt nach Hamburg gekommen, allerdings noch als Gefangener. Wir müssen hier arbeiten, haben aber soweit unsere Freiheit, wenigstens kein Stacheldraht. Man könnte über die Sorgen besser persönlich sprechen, man kann ja nicht alles schreiben. Leider kann ich Sie jetzt noch nicht besuchen, wogegen Sie aber doch kommen könnten, falls Sie noch mehr Wert darauf legen sollten. Ich tat es nicht gerne, aber Sie wünschen es
Sie tun mir von Herzen leid!
Ich werde immer an Sie denken und verbleibe freundlichst
Ihr M. Wessellek

Diesen Brief schrieb M. Wessellek, der Vorgesetzte der beiden am 16. April 1945 in Kirchlinteln getöteten jungen Soldaten, an die Eltern von Ernst-Bodo Löhr. Zu den Ereignissen in Kirchlinteln hat die Zeitgeschichtliche Werkstatt im Kapitelhaus (ZwiK) Wittlohe die Dokumentation „Das Ende des Zweiten Weltkriegs in der Gemeinde Kirchlinteln“ vorgelegt.
Erhältlich ist das Buch zum Preis von 25 € in der Verdener Buchhandlung Mahnke und im „Gastro im Krug“, Kirchlinteln
Ehepaar Reh:
Großer Mut unter weißer Fahne
Neu bei ZWiK: Besucher können jetzt
interaktiv im Digitalarchiv stöbern
Die Zeitgeschichtliche Werkstatt hat mit den dreiseitigen Stelen im kleinen Kapitelhaus eine vergleichsweise große Präsentationsfläche geschaffen. Um weiteren, neuen Projekten Raum zu geben, werden sämtliche bisherigen Exponate mit ihren Texten, Fotos, Videos und Tondokumenten in einem digitalen Archiv gespeichert. Alles steht nun auf Knopfdruck zur Verfügung und kann auf dem neuen Hochkantbildschirm betrachtet werden.



